Emotionale Beweisführung abstellen

svenja
Beiträge: 5
Registriert: Di 24. Mär 2026, 17:00

Re: Emotionale Beweisführung abstellen

Beitrag von svenja »

Hallo Jessi,

Vielen Dank für deine Nachricht.
Es hilft sehr, zu wissen, dass man mit seiner Krankheit nicht alleine ist. Wobei sich auch bei mir oft genug der Zweifel meldet „bist du dir sicher, dass es eine Krankheit ist? Leugnest du nicht die Wahrheit?“ was einfach der Horror ist, wenn man mental nicht so stabil ist.
Ich weiß, dass ich schon viel geschafft habe und wie du sagst, kann ich rückblickend das auch erkennen. Aber wenn du gerade total „drin“ bist, ist es sehr schwer.
Die Metapher mit den Blatt, hat meine Therapeutin mir auch schon vorgeschlagen (ähnlich wie Wolken die vorbei ziehen und Zugwaggons) - leider sind diese Bilder für mich zu abstrakt, als das ich sie in den Momenten greifen kann. Das Bild mit einem plärrenden Kind oder vollbesetzten Bus ist für mich dann eher greifbar. Aber auch das ist schwer. Ich hatte heute Morgen einen Heul- und Schreikrampf, weil der Gedanke zu unerträglich war. Ich muss dazu sagen, dass ich auch unter sexuellen Zwangsgedanken leide, die auf einer für mich traumatischen Erfahrung basieren. Mein Zwang ist leider sehr gut darin mir einzuflüstern „und wenn das gar nicht traumatisch war? Wenn du das nur als Ausrede benutzt?“. Ich muss leider lernen, dass mit dem Gedanken diskutieren bzw ihn nicht denken zu wollen, keine Lösung ist, sondern es nur schlimmer macht. Das einzige was hilft ist es auszuhalten und nicht zu agieren. Das klingt so simpel, fällt mir aber sehr schwer und ist manchmal kaum auszuhalten. Es gibt Momente, da kann ich das und auch Momente, wo sich die Gedanken „leer“ anfühlen. Das sind so ein paar Lichtblicke, wobei der Zwang sich auch dann meldet „wenn du dich nicht aufregst, dann willst du es…“.
Es ist halt ein Marathon und kein Sprint - leider habe ich nicht wirklich Geduld. Dazu kommt das schlechte Gewissen meinem Mann gegenüber, der mich so unterstützt.
Aber ich gebe nicht auf, weil ich weiß, dass es auch anders sein kann. Auch wenn es sich manchmal hoffnungslos anfühlt und ich denken, ich werde verrückt.

Liebe Grüße
Svenja
Maja
Beiträge: 9
Registriert: Mo 26. Aug 2024, 16:21

Re: Emotionale Beweisführung abstellen

Beitrag von Maja »

Hallo,
ich erinnere mich noch an diesen Post, ich habe ihn schon vor einigen Jahren gelesen und als sehr hilfreich empfunden.

Ich kenne auch all diese Argumente des Zwanges, dass man doch nur die Wahrheit verleugnen möchte, dass man es sich einfach nur leicht machen möchte anstatt sich mit wichtigen Problemen auseinander zu setzten usw.
Wenn die emotionale Beweisführung ihre Finger im Spiel hat, wird es einfach noch um so vieles schwerer, dem Zwang nicht nachzugeben. Bei mir zumindest ist es dann so, dass rationale Gegenargumente nicht mehr wirklich greifen.

Was mir hier ein bisschen geholfen hat, ist die Erfahrung, dass die Zwangsthemen bei mir doch immer einmal wieder gewechselt haben. Immer so zwischen einer Hand voll Themen hin und her. Und wenn das eine Thema akut war, dann kamen mir alle anderen auf einmal total belanglos und unwichtig vor. Bis dann drei Stunden später wieder ein Switch stattfand und auf einmal ein zuvor völlig belangloses Thema wieder emotional aufgeladen war.
Da habe ich ein bisschen auf der Gefühlsebene begreifen können, dass es ja doch sehr komisch ist, dass ein Thema sich erst riesengroß und existenziell bedrohlich anfühlt - nur um kurz darauf völlig nebensächlich zu sein. Bis es am nächsten Tag dann wieder riesig wird.

Jetzt versuche ich mich, wenn es schwierig wird, immer wieder einmal daran zu erinnern, dass dieses Thema auch schon mal total unwichtig war im Vergleich zu anderen Zwängen. Klappt natürlich nicht immer, aber hilft manchmal, ein bisschen Abstand rein zu bringen :lol:
svenja
Beiträge: 5
Registriert: Di 24. Mär 2026, 17:00

Re: Emotionale Beweisführung abstellen

Beitrag von svenja »

Hallo Maja,

das was du beschreibst, kenne ich auch sehr gut.
Man ist gerade so gefangen von einem Zwangsgedanken, dann beruhigt es sich etwas und wie du sagst, dann findet ein Switch statt und dann ist ein anderer Zwangsgedanke das Hauptthema.
Bei mir sind es auch eine Handvoll Themen, wobei zwei die dominantesten sind.
Rational weiß ich das auch und auch dass ich es die letzten Jahre ganz gut im Griff hatte. Aber das fällt mir dann schwer zu „sehen“.
Zwangsgedanken sind einfach wahnsinnig perfide und hinterlistig und schaffen es, dass man an allem zweifelt….
Hast du denn deine Zwänge soweit im Griff?

Liebe Grüße
Maja
Beiträge: 9
Registriert: Mo 26. Aug 2024, 16:21

Re: Emotionale Beweisführung abstellen

Beitrag von Maja »

Hi Svenja,

ja, da kann ich nur zu 100 % zustimmen, Zwänge sind wirklich perfide und gemein.

Lass dich nicht unterkriegen - ich finde es schon super, dass du rational weist, dass es Zwang ist und dass du die meiste Zeit gut damit umgehen kannst, das ist schon ein großer Schritt. Und in den Momenten wo man dann doch mal wieder zwanghafter ist oder es einem schlechter geht, packt der Zwang natürlich immer noch ein "schau - du hast ja noch gar nix erreicht!" obendrauf, das kenne ich auch.

Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich meine Zwänge top im Griff habe :lol: Sagen wir mal so - es gibt bessere und schlechtere Tage. Ich mache aktuell eine Therapie gegen die Zwänge, die sehr hilft. Und im Moment habe ich auch ein bisschen gesunden Abstand zu den Zwangsthemen. Nachdem ich aber vor einigen Wochen einen fiesen Rückfall hatte, weis ich auch, dass ich immer noch viel zu schnell in die Zwangsspirale rein rutsche, wenn ich es versäume, einem aufkeimenden Zwang nicht direkt Kontra zu geben. Da habe ich noch ein bisschen Arbeit vor mir.

Liebe Grüße
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