Hallöchen in die Runde,
Ich bin 42(m)
Ich bin ganz neu hier und vermute ganz stark,dass ich unter RoCD leide, es deutet Alles darauf hin.
Nun habe ich oft gelesen das kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsverhinderung die beste Therapieform sein soll.
Ich würde gerne so eine Therapie beginnen nur: die Beziehung ist inzwischen (daran) zerbrochen und meine Ex-Freundin hat nun einen neuen Freund.
Es ist also unwiderruflich und meine verzweifelte Frage ist nun:
Macht eine kognitive Verhaltenstherapie überhaupt ohne Exposition,also Konfrontation in und mit den Situationen,
Und ohne ERP Sinn, denn das ist ja nun leider nicht mehr möglich.
Ich kann mich also den Situationen nicht mehr aussetzen, da die Beziehung unwiederbringlich vorbei ist.
Was soll ich jetzt tun???
Ist eine Behandlung so überhaupt möglich?
Vorweg: Ich leide auch unter R-OCD. (Die OCD hat bei mir schon vor Jahrzehnten alle Lebensbereiche nahezu ungebremst erobert.)
Auch wenn es unter R-OCD natürlich nicht selten ist: Es tut mir leid, dass Deine Beziehung daran zerbrochen ist! Wenn ich mich in der Vergangenheit von Freundinnen getrennt habe und die R-OCD dabei eine maßgebliche Rolle gespielt hat, gab es im Anschluss stets zwei markante Selbstbeobachtungen:
a. Der innere Druck war plötzlich weg. Kurzfristig. Fühlt sich gut an, ist aber im Hinblick auf die Erkrankung natürlich teuflisch. Denn sie speichert: "Hey, siehst Du, es war gut, die Sache zu beenden! Jetzt hast Du wieder Deine Ruhe!". Und das gibt ihr im Hinblick auf die nächste Beziehung noch mehr Bedeutung und Impact.
b. Die von der OCD überlagerten wahren Gefühle sind plötzlich wieder da. Ich habe dann speziell eine Trennung sehr bereut, als ich die Frau und was sie wirklich für mich ist klar sehen und fühlen konnte. Doch da war es bereits zu spät. Nach Jahren der Ablehnung hatte sie nun einen neuen Freund. Und ich freue mich, dass sie so wohl noch glücklich geworden ist.
Nun aber zu Deiner Frage: OCD erfordert tägliches Training. So, wie es die eigene Belastung zulässt. Dranbleiben ist wichtig. Halt Dir die grundsätzlichen Mechanismen der R-OCD immer wieder vor Augen, wie sich Dich völlig unnötig in einen Voll-Alarmzustand versetzt, Dich 24/7 mit immer den gleichen Abbruch-Gedanken und Handlungsdruck quält, sich dabei meist auf Nebensächlichkeiten stürzt, nicht auf echte Bindungsmarker, also Eigenschaften, die für eine Beziehung zu einer Partnerin/ einem Partner wirklich wichtig sind.
Ich habe den Fehler gemacht, mich jahrelang zurückzuhiehen, aus Furcht vor diesem unerträglichen Zustand, den die R-OCD mir "verlässlich" schafft. Denn sie findet natürlich früher oder später immer Punkte, mit denen sie in mir Zweifel säen, diese riesengroß aufblasen und mich völlig damit vereinnahmen und quälen kann. Und hier gilt es: Frühzeitig anzusetzen. Sich immer wieder vor Augen zu halten: Es ist nur die Erkrankung, die grad diesen riesigen Lärm in mir verursacht. Und es ist normal, dass man in einem solchen Zustand nervlicher und emotionaler Überforderung nicht mehr klar fühlen kann. Das bedeutet aber nicht etwa, dass die positiven Gefühle nicht da sind. Ich kann sie halt grad nur nicht greifen.
So, ich will diesen Text nun nicht zu lang ausufern lassen. Wir können das hier gern vertiefen, sofern Du noch aktiv bist. Gerne auch mit anderen R-OCD-Betroffenen.
Alpha Centauri hat geschrieben: Fr 27. Feb 2026, 09:15
a. Der innere Druck war plötzlich weg. Kurzfristig. Fühlt sich gut an, ist aber im Hinblick auf die Erkrankung natürlich teuflisch. Denn sie speichert: "Hey, siehst Du, es war gut, die Sache zu beenden! Jetzt hast Du wieder Deine Ruhe!". Und das gibt ihr im Hinblick auf die nächste Beziehung noch mehr Bedeutung und Impact.
Moin, ich habe dir zwar gerade auch eine Direktnachricht geschickt, jedoch ist die Beantwortung auch für andere interessant, denn er ist der erste, der mir über den Weg gelaufen ist, in dem explizit ebenfalls von einem inneren Druck/Anspannung im Kontex von ROCD gesprochen wird:
Wie genau hat sich bei dir dieser innere Druck angefühlt? Ich hege nämlich den Verdacht, dass ich ebenfalls an ROCD leide (hatte bereits mindestens einen anderen Zwang und bin ewig wegen generalisierter Angststörung in Therapie). Bei mir ergibt sich automatisch, ohne das ich es kontrollieren könnte und es sachlich durch die Qualität der Beziehung auch nur näherungsweise begründet wäre, eine starke innere Anspannung die sich insbesondere in Form von muskulärer Anspannung im Kiefer und oberen Rücken zeigt. Darüberhinaus scheint es meinen Schlaf bzw. meine Atmung zu beeinträchtigen (nicht wirklich physiologisch, sondern der intuitive Ablauf der Atmung scheint teilweise beeinträchtigt zu werden).
Und der Druck verschwindet praktisch sofort, wenn ich mich mit meiner Freundin gestritten habe, da ich dann, davon bin ich überzeugt, dass dies der Grund ist, mein Geist meint die Erlaubnis zu haben, sich nicht damit zu befassen, ob meine Freundin zu mir passt, oder nicht.
Zuletzt geändert von CoolRabi am Mo 1. Jun 2026, 21:16, insgesamt 1-mal geändert.
Dann gern auch nochmal hier: Der Druck, die Sache vermeintlich abbrechen zu müssen, äußerst sich in einem verkrampften Magen, Blockade, obsessiven Gedanken eben, die erhöhten Puls auslösen und zu Schlafproblemen führen. Ich habe eine liebevolle und liebenswerte Freundin. Und doch hinterfragt die R-OCD alles, von Alter über Aussehen, Intelligenz, Intellekt, Humor, Stimme - alles was auch nur ansatzweise irgendwie Angriffsfläche bieten kann, wird zum Ziel.
Ist Deine Anspannung denn nicht an konkrete Gedanken gekoppelt?
Moin, danke sehr für deine Erläuterung, ich antworte einfach auch direkt hier:
> Ist Deine Anspannung denn nicht an konkrete Gedanken gekoppelt?
Ich denke schon, doch. Diese Gedanken sind manchmal greifbarer und manchmal diffuser. Z.B. habe ich es teilweise auf dem Weg zur Toilette auf der Arbeit, dass ich mir meine Freundin vorstelle und sie "irgendetwas" (ich weiß es leider nicht mehr, ist aber vor kurzem passiert) macht und ich mich daraufhin verspanne. Oder wenn ich beim Einkaufen an der Kasse stehe stelle ich mir ohne es zu beabsichtigen vor, dass sie am Ende der Kasse auf mich wartet. Das stresst mich ebenfalls, weil ich ein vergleichsweise großes Problem mit Nähe habe (meine Eltern haben mich viel kontrolliert und kritisiert; daher habe ich ein extrem hohes Freiheitsbedürfnis).
Noch konkreter: Ich saß beim Bäcker und eine Verkäuferin sagte beim Schwätzchen mit einem Kunden etwas ulkiges über Timmy, den Wal. Ich verglich ihr entspanntes Verhalten mit meiner Freundin (sie ist extrem tierlieb und dabei etwas verkrampft) was ebenfalls zu einer Anspannung führte.
Jedoch verbleibt diese Anspannung auch ohne Gedanken bzw. in vielen Stunden in denen ich überhaupt nicht an meine Freundin denken müsste. Es ist eine Art Zwang (denke ich), dass an sie zu denken. Vor gut 1 1/2 Jahren hatte ich immer Druck verspürt sie anrufen zu müssen (sie hat nie etwas derartiges gefordert) und gleichzeitig die Angst gehabt, sie, wenn ich nicht an sie denke, vergessen würde, was dann bewiese, dass ich sie gar nicht liebe. Das mit dem Anrufen hat sich zum Glück gebessert.
Ich denke im Kern existieren hier zwei Probleme: 1) Ich habe ein Problem mit Abgrenzung (Eltern) und 2) Ich habe ein Problem mit Nähe (auch Eltern), weswegen ich prädestiniert für ROCD bin.
Ich bin wie gesagt jetzt Ende 30, dies ist erst meine zweite richtige Beziehung. Mit Anfang 20 hatte ich eine mehrjährige Beziehung, meine erste. Da ist zum ersten Mal etwas wie ROCD aufgetreten als ich irgendwann aus dem Nichts an meine Gesangslehrerin denken musste und danach von der Frage besessen war, ob dies bedeutet, dass ich auf meine Gesanglehrerin stehe (davon habe ich Herzrythmusstörungen bekommen).
Bei einem sehr attraktiven Mädel, mit dem ich nur kurz etwas hatte (da kommt es aufgrund der Art der Bindung denke ich nicht zu startek ROCD-Symptomen), musste ich immer wieder darüber nachdenken, ob mir ihre Nase gefällt. Bei einer anderen, ob sie mir nicht doch zu dick ist. Bei meiner jetzigen ist es die Stimme.
Wie gesagt behaupte ich nicht, dass meine Freundin garantiert die richtige ist, aber sie ist ein sehr lieber Mensch und eine tolle Freundin, sodass die Anspannung, die ich verspüre,nicht im Verhältnis zur Beziehungsqualität stehen würde.
Ein letztes Beispiel, das mir gerade noch eingefallen ist:
Im Urlaub verspürte ich extreme Anspannung als meine Freundin früh aufgestanden war und darauf wartete, dass ich munter werde. Diese nicht ausgesprochene Erwartung führt bei mir zu einem extremen Gefühl der Eingeengtheit. Kenne ich in abgeschwächter Form auch von gewöhnlichen Freunden. Da brauchte ich immer wieder Abstand im gemeinsamen Urlaub, deutlich anders/mehr als offenbar der Rest der Gruppe.
Nähe ist bei mir auch ein Problem. Selbst gute Freunde/ Familie kann ich nicht lang um mich haben, benötige stets Rückzugsmöglichkeiten, bzw. habe schon früh die Absicht, mich aber gleich möglichst fix wieder zurückziehen zu müssen. Es belastet mich bspw. auch, wenn bestimmte Leute mich regelmäßig anrufen.
Und bei meiner Freundin (Fernbeziehung), belastet mich auch eine Verpflichtung (die gar keine ist), doch abends wieder umfassend Sprachnachrichten mit ihr auszutauschen und mir dabei möglichst meinen teils massiven Abbruchdruck nicht anmerken zu lassen (sie spürt es aber trotzdem und thematisiert es dann im Nachgang auch).
Naturlich hat es die R-OCD (wie alle Formen einer Zwangserkrankung) bei Menschen mit bestimmter Persönlichkeitsstruktur einfacher, große Bereiche des Alltags zu besetzen, bzw. überhaupt Leidensdruck zu erzeugen, als bei anderen Menschen.
Ich würde primär eine Verhaltenstherapie empfehlen. Und ganz wichtig: Tägliches Training. Sich stets die Mechanismen dieser Erkrankung zu vergegenwärtigen, entsprechend die Symptome einzuordnen. Und der Ansatz ist auch, diese auzuhalten/ da sein zu lassen. "Ich darf mit meiner Partnerin Nähe und Zuneigung erleben, auch wenn krankhafte Zweifel da sind." Alles unterlassen, was der Erkrankung unnötige Bedeutung gibt. Puh, klingt nun fast wie die Befehlsform. Die soll es aber garnicht sein. Ich wollte nur verdeutlichen, dass bspw. ausufernde Diskussionen mit der R-OCD kontraproduktiv sind.
Danke für die Beschreibung deiner Probleme. Ich bin bereits wegen meiner generalisierten Angststörung in Therapie. Ich erkenne mehr und mehr die Mechanismen, die zu meiner Anspannung führen. Ich habe derzeit gute Hoffnung, dass es mittelfristig besser werden wird! Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft!