Verzwickte Situation

Lydia
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Verzwickte Situation

Beitrag von Lydia »

Hallo liebe Betroffene und liebe Angehörige,

unser erwachsenes Kind (ich möchte das Geschlecht hier ungern preisgeben) leidet seit ein paar Wochen unter Zwangsgrübeln mit Angstattacken. Leider wurde dieser Akut-Schub durch eine konkrete Begebenheit ausgelöst, in der unser Kind nicht richtig gehandelt hat. Dies rückte erst Jahre später so richtig ins Bewusstsein, der Zwang kam dann mit voller Wucht. Dieser äußert sich in Grübel- und Googlezwang. Und so, wie man sich vom Schnupfen zum Krebs googeln kann, googelt unser Kind sich lebenslänglich hinter Gitter, die anschließende Verzweiflung erlebt es und auch wir als vernichtend. Eine Therapeutin, die sich beruflich mit dieser Thematik auseinandersetzt schätzt das Ganze zwar als justiziabel ein, aber bei weitem nicht in der Schärfe, mit der es der Zwang unseres Kindes beurteilt.

Anfängliche Versuche, unserem Kind zu erklären, das wir alle unsere Schattenthemen haben, kein Mensch ohne Sünde ist, und Fehler menschlich sind, fruchteten nichts. Es befürchtet nicht nur juristische Verfolgung, sondern insbesondere die öffentlichmachung. Der daraus befürchteten gesellschaftlichen Ächtung des Umfeldes wollte/will unser Kind entgegenkommen, in dem das Umfeld mitsamt Arbeit, Hobbys aufgelöst wird. Unserem Kind ist mittlerweile klar, das derartige Gedankenimpulse dem Zwang geschuldet sind.

Wir haben nun bereits viele Unterhaltungen gehabt darüber. Unserem Kind fiel auf, das sich der Zwang seit der Pubertät herangeschlichen hat. Mal die Dusche und mal der Herd, oder im Krankheitsfall die eigene Körpertemperatur, die wiederholt kontrolliert werden musste, mal eine scherzhafte Prophezeiung eines anderen Schulkindes, der anschließend ängstlich entgegengefiebert wurde, mal ein Online-Kettenbrief der eilig weitergesendet werden musste, damit kein angedrohtes Unglück geschieht. All das konnte wohl noch irgendwie gehändelt und vor uns geheim gehalten werden, aber das jüngste Thema hier birgt viele Komponenten und Fragen, die sich nicht abschließend beantworten lassen. Daraus hat der Zwang die letzten Wochen unendlich viele "Wenn's" und "Aber's" gestrickt und größtmögliche Schuld und Ächtung zugesichert.

Nun merkt unser Kind, das der Zwang immer absurdere Formen annimmt und sich stets neue Ventile sucht. Auch die Paranoia, aufgrund der Angst vor juristischer und privater Verfolgung, die befürchtet werden, nimmt immer absurdere Formen an. Da werden Blicke anderer Menschen, ortsfremde Autokennzeichen etc mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Mein Kind merkt, das es dem Zwang geschuldet ist, dennoch ist die Angst, die Scham, das vernichtende Schuldgefühl groß.

Meine Frage dazu: Ist so etwas bekannt unter dem Thema der Zwangsstörung? Sowohl ein Delikt als auslösende Komponente, als auch Ängste vor Verfolgung / Veröffentlichung und viele Triggermomente die die Grübeleien und anschließende Furcht befeuern?

Zu mir selbst und meinen Gefühlen kann ich gern in einem weiteren Beitrag mal etwas schreiben, ich möchte nur vermeiden, das der Beitrag hier zu lang wird.

Viele Grüße und viel Kraft allen Betroffenen und Angehörigen

Lydia
Chris_84

Re: Verzwickte Situation

Beitrag von Chris_84 »

Hallo

...ich verstehe nicht so ganz, um was es dir hier nun geht... Zum einen schreibst du, dass dein Kind schon jahrelang Zwänge hat und fragst dann, ob die (vage) geschilderte Situation Zwänge auslösen kann, ob dies bekannt sei... ?

Es ist ja dann wohl eher so, dass der Zwang schon länger existent war und sich nun einfach ein neues Thema gesucht hat.
Die paranoide Komponente - soweit vorhanden - ist allerdings nicht zwangstypisch und stellt daher eher ein eigenständiges "Mehr" dar.

Interessant wäre freilich auch, wie es kommen konnte, dass euer Kind solche Ängste vor völliger gesellschaftlicher "Zerstörung" entwickeln konnte... ?
Lydia
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Re: Verzwickte Situation

Beitrag von Lydia »

Hallo Chris_84
Chris_84 hat geschrieben: Mi 10. Apr 2024, 18:29Es ist ja dann wohl eher so, dass der Zwang schon länger existent war und sich nun einfach ein neues Thema gesucht hat.
Tatsächlich wird es so sein. Ich übersehe das, weil alles so neu und sehr stark auf mich einwirkt. Ich habe unser Kind noch nie so erlebt, von daher wirkt es zumindest auf mich persönlich so, als wäre dies der erste akute Schub, eine Art Vollbild. Aber da ich noch nie mit dem Thema konfrontiert war und zudem weder Erfahrung noch fachliche Kenntnis darüber besitze war dies natürlich ein falscher Eindruck.
Chris_84 hat geschrieben: Mi 10. Apr 2024, 18:29Die paranoide Komponente - soweit vorhanden - ist allerdings nicht zwangstypisch und stellt daher eher ein eigenständiges "Mehr" dar.
Danke, diese Information hilft uns sicherlich weiter, dies in seiner Gesamtheit einzusortieren. Andererseits bereitet sie mir auch zusätzliche Sorgen.
Chris_84 hat geschrieben: Mi 10. Apr 2024, 18:29Interessant wäre freilich auch, wie es kommen konnte, dass euer Kind solche Ängste vor völliger gesellschaftlicher "Zerstörung" entwickeln konnte... ?
Die Frage nach dem "Wie konnte es" stellten wir uns ebenfalls zu mehreren Themen (auch zu diesem) und sind leider aktuell überfragt.

Ich hoffe darauf, das sich hier vielleicht jemand (fachliches?) findet, die/der eine ähnlich verstrickte Thematik kennt? Und evtl einen Weg weisen kann, auf was wir in dieser speziellen Kombination achten müssen, welche Form der Therapie in Frage käme?

Viele Grüße
Lydia
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Antonia
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Re: Verzwickte Situation

Beitrag von Antonia »

Hallo Lydia,

ja der Zwang will immer mehr, mehr an Sicherheit!
Und je mehr dein Kind den Zwang zulässt, umso stärker wird der Zwang.
Um dem aus dem Weg zu gehen, kann es sein, dass viele Situationen und menschliche Kontakte vermieden werden.
Irgendwann geht dann gar nichts mehr, weil die Angst einfach übermächtig geworden ist.
Es wäre ratsam, wenn euer Kind therapeutische Hilfe, in Form einer ambulanten Verhaltenstherapie, oder einem Aufenthalt in einer geeigneten Klinik zustimmt.
Ohne therapeutische Hilfe wird er da alleine nicht mit fertig werden.
Ihr als Eltern sollte ihn ermuntern und ggf. helfen, einen Therapeuten zu finden.
Für geeignete Adressen melde Dich bitte telefonisch bei uns, Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. - Mo-Fr. 10-12 Uhr unter 040 689 13 700.
Auf unserer Webseite: www.zwaenge.de haben wir unter -aktuelles- Referenten unserer Onlineseminare, noch mal per Zoom interviewt. Hier findest Du auch ein Video mit Prof. Michael Rufer " Was können Angehörige tun".
Liebe Grüße Antonia.
Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich haben wollen. ;)
Lydia
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Re: Verzwickte Situation

Beitrag von Lydia »

Liebe Antonia,
Antonia hat geschrieben: Do 11. Apr 2024, 11:49Ja der Zwang will immer mehr, mehr an Sicherheit! Und je mehr dein Kind den Zwang zulässt, umso stärker wird der Zwang.
Das haben wir ebenfalls mit erschrecken festgestellt. Jegliche Absicherung / Rückversicherung ist eine Art russisch Roulette welches unser Kind immer weiter in den Kaninchenbau hineintreibt. Anfangs wurden wir diesbezüglich sehr damit "zwangsbeglückt", und wir hatten naiverweise leider viel Rückversicherung gegeben, aus Unwissenheit. Nun ist es so, das wir nicht mehr auf die Thematik einsteigen, sondern direkt auf den Zwang verweisen.

Es ist so schlimm zu sehen wie das eigene Kind vor Angst weint und verzweifelt ist.
Antonia hat geschrieben: Do 11. Apr 2024, 11:49Um dem aus dem Weg zu gehen, kann es sein, dass viele Situationen und menschliche Kontakte vermieden werden.
Irgendwann geht dann gar nichts mehr, weil die Angst einfach übermächtig geworden ist.
Es wäre ratsam, wenn euer Kind therapeutische Hilfe, in Form einer ambulanten Verhaltenstherapie, oder einem Aufenthalt in einer geeigneten Klinik zustimmt.
Ersterem hat unser Kind bereits zugestimmt. Interessanterweise möchte die Therapeutin "mit der Angst arbeiten" und da wäre eine medikamentöse Unterstützung wohl eher hinderlich. Die Blutuntersuchung zur Absicherung ob das Medikament überhaupt gegeben werden kann wurde bereits gemacht und das Rezept ist ausgestellt. Unser Kind möchte es einlösen, aber mit der Einnahme des Medikaments noch etwas abwarten.

Wir halten uns da diesbezüglich raus. Es ist nur knallhart wenn der Zwang das nächste Thema aufs Tablett serviert und unser Kind versucht sich über uns zu stabilisieren, in dem es sich Rückversichern will.

Ich habe noch nicht so ganz den Dreh raus dabei gelassen zu bleiben, es zehrt auch an mir. Ich traue mich kaum noch Freude zu empfinden und habe das Gefühl, ich muss konzentriert bei der Sache sein, sonst kommt der nächste große Knall. Morgens wache ich täglich mit Herzklopfen auf, vor Sorge was als nächstes kommt. Man kann sich kaum ausmalen wie es unserem Kind erst damit geht. Ich wünschte mir hier Unterstützung und Tipps von anderen Müttern, wie sie damit umgehen.

Dir jedenfalls ganz lieben Dank schon mal für die Links und die Hilfsangebote!

Viele Grüße
Lydia
TeeCoffee
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Re: Verzwickte Situation

Beitrag von TeeCoffee »

Hallo,

ich kann eure Situation nicht einschätzen und natürlich auch nicht, wie schlimm die Ereignisse real waren oder nicht -- daher kann ich auch nur mal Begriffe in den Raum werfen, die vielleicht halfen, mehr Infos zu finden. Ob das dann auf euch zutrifft muss der Therapeut/Arzt abklären.
Aber sucht mal unter "real event OCD".
Hier deutsch:
https://www.ocdland.com/blog/beispiele- ... stoerungen

Und auf englisch sehr viel mehr via Google, z.B. hier:
https://www.treatmyocd.com/blog/real-events-ocd

Gruss
Lydia
Beiträge: 6
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Re: Verzwickte Situation

Beitrag von Lydia »

Hallo TeeCoffee,
TeeCoffee hat geschrieben: Fr 12. Apr 2024, 16:23Aber sucht mal unter "real event OCD".
https://ocdspecialists.com/real-event-ocd/
https://www.turningpointpsychology.ca/b ... format=amp

Tatsächlich hat mir dieser Begriff und die hier verlinkten Seiten gerade enorm weiter geholfen, vielen Dank!

Viele Grüße
Lydia
Zuletzt geändert von Lydia am Sa 13. Apr 2024, 11:06, insgesamt 1-mal geändert.
TeeCoffee
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Re: Verzwickte Situation

Beitrag von TeeCoffee »

Freut mich. Es ist naemlich in der Tat so, dass man fast den genauen Begriff kennen muss um das zu finden. Und leider wird es auch so sein, dass du leicht irgendwelche Therapeuten finden wirst, die mehr oder weniger mit Zwängen zu tun haben, aber manche Erscheinungsformen kennen sie nicht. Zwar muss man nicht unbedingt einen "real event OCD Spezialist" haben, aber der Therapeut muss die Prinzipien kennen und in seinem Kopf flexibel genug sein, diese Prinzipien richtig auf die spezielle Erscheinungsform deines Kindes anwenden.
Ich wuensche viel Kraft und Besserung.
Gruss
Lydia
Beiträge: 6
Registriert: Mi 10. Apr 2024, 13:55

Re: Verzwickte Situation

Beitrag von Lydia »

Hallo TeeCoffee
TeeCoffee hat geschrieben: Sa 13. Apr 2024, 00:20Freut mich. Es ist naemlich in der Tat so, dass man fast den genauen Begriff kennen muss um das zu finden.
Da stimme ich dir zu. Vielleicht könnte die Seitenbetreiberin
Antonia hat geschrieben: Do 11. Apr 2024, 11:49Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. https://www.zwaenge.de/diagnose/formen- ... gsstorung/
den Real Event Ocd auf ihrer Liste dahingehend ergänzen?

Das hätte uns von Anfang an sehr weitergeholfen.
TeeCoffee hat geschrieben: Sa 13. Apr 2024, 00:20Zwar muss man nicht unbedingt einen "real event OCD Spezialist" haben, aber der Therapeut muss die Prinzipien kennen und in seinem Kopf flexibel genug sein, diese Prinzipien richtig anwenden.
Wenn diese Unterform der Zwangserkrankung im deutschsprachigen Raum im größeren Rahmen bekannt gemacht und die spezielle Herangehensweise in der Therapie besprochen würde, wäre sicherlich vielen Betroffenen, die ihre aktuelle Situation nicht einsortieren können, sehr geholfen.

Deliquentes Verhalten kann also ebenso Akutschübe auslösen oder eine latente Zwangsaktzentuierung zu einer manifesten schweren Akutstörung ausformen, wie erstmaliger Alkohol- oder Cannabiskonsum, wie ich hier im Forum gelesen habe. Dennoch benötigen akut Zwangs-Betroffene ja fachliche Expertise und können nicht durch lückenhafte Aufklärung des Krankheitsbildes ihrer Erkrankung ausgeliefert bleiben.

Und es kann natürlich sein, dass gewisse Therapieformen für Zwangserkrankungen die Symptomatik bei Real Event Ocd Betroffenen noch verstärken.

Daher wäre die nächste Frage, ob sich Fachleute im deutschsprachigen Raum überhaupt schon einmal mit dieser Unterform bekannt gemacht haben und dahingehend therapeutisch tätig sind?

Viele Grüße
Lydia
Chris_84

Re: Verzwickte Situation

Beitrag von Chris_84 »

Hallo Lydia,

Lydia hat geschrieben: Sa 13. Apr 2024, 12:15 Hallo TeeCoffee
TeeCoffee hat geschrieben: Sa 13. Apr 2024, 00:20Freut mich. Es ist naemlich in der Tat so, dass man fast den genauen Begriff kennen muss um das zu finden.
Da stimme ich dir zu. Vielleicht könnte die Seitenbetreiberin
Antonia hat geschrieben: Do 11. Apr 2024, 11:49Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. https://www.zwaenge.de/diagnose/formen- ... gsstorung/
den Real Event Ocd auf ihrer Liste dahingehend ergänzen?

Das hätte uns von Anfang an sehr weitergeholfen.

Wenn diese Unterform der Zwangserkrankung im deutschsprachigen Raum im größeren Rahmen bekannt gemacht und die spezielle Herangehensweise in der Therapie besprochen würde, wäre sicherlich vielen Betroffenen, die ihre aktuelle Situation nicht einsortieren können, sehr geholfen.

Daher wäre die nächste Frage, ob sich Fachleute im deutschsprachigen Raum überhaupt schon einmal mit dieser Unterform bekannt gemacht haben und dahingehend therapeutisch tätig sind?

Viele Grüße
Lydia
ich habe mich gerade gefragt, wie diese Information so sehr weitergeholfen hat ? Ich kann mir nur vorstellen, bei der Frage, ob es sich um einen Zwang handelt ? Oder ?

Beim Lesen dieser Liste mit den ganzen "Unterformen" konnte ich nur den Kopf schütteln. Denn am Ende spielt es keine Rolle, ob ein Zwang nun "traffic-related" oder "cleaning-related" oder "counting-relatet" oder was auch immer ist... Man könnte ja dann auch noch fragen, ob ein "cleaning-related"er Zwang mehr "active-doing-dominated" oder doch er "avoiding-dominated" ist... Das führt nur zu einem: dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.
Auch konnte ich nicht erkennen, was an diesem 10-Punkte-Behandlungs-Plan so besonders sein sollte...

Es ist schon extrem schwierig, überhaupt jemand zu finden die/der sich zumindest vermeintlich mit Zwängen auskennt. Schwierig in den Städten, mitunter aussichtslos auf dem Land...
Und wenn ihr dann auch noch fragt, ob er/sie sich mit "real-event-OCD" auskennt - dann habt ihr bestenfalls eine Wahrscheinlichkeit im niedrigen einstelligen Prozentbereich, überhaupt einen Therapeuten zu finden.

Im Kern geht es immer darum, dass die Betroffenen "emotionally-dysregulated" sind - und genau da spielt auch die therapeutische Arbeit. Unabhängig davon ob jemand putzt, zählt, stundenlang mit dem Auto seine Schleifen fährt oder was auch immer....

Habt ihr schon mal über einen Klinikaufenthalt nachgedacht ? Kann nicht schaden, sich da auch gleich mal zu informieren.

Grüsse
Chris
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